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Antonio Scurati: M. Die letzten Tage von Europa

Besprechung

Antonio Scurati mutet den Leserinnen und Lesern, vor allem in seinem Heimatland Italien, viel zu: In seinem mehrbändigen Projekt über Benito Mussolini erzählt er die Geschichte des Faschismus aus der Perspektive der Faschisten, um die Leserschaft dazu zu drängen, (endlich) Rechenschaft über diesen Teil der italienischen Geschichte abzulegen. Zwar wurde auch in Italien nach dem Ende des Faschismus ein Prozess der Aufarbeitung eingeleitet, der aber nie zu Ende geführt wurde. Stattdessen betrachtete man die Geschichte aus der Perspektive des Opfers, was nicht zu einer echten Aufarbeitung führte. 

Scurati erzählt in diesem (dritten) Band die Ereignisse von Mai 1938 bis Juni 1940. Im Mittelpunkt steht das Verhältnis zwischen dem Faschismus Mussolinis und dem Nationalsozialismus Hitlers. Dieser besuchte im Mai 1938 Rom, um ein militärisches und politisches Bündnis mit Italien zu schließen. Die Vorgänge in Österreich, der so genannte „Anschluss”, belasteten das Verhältnis der beiden, denn Hitler sprach sich nicht mit Mussolini ab, verschob damit die Reichsgrenze aber bis an den Brenner. Trotz dieser Niederlage für den italienischen „Duce” bereitete dieser Rom als perfekte Bühne für den „Führer”, um ihn aus der politischen Isolation zu holen. Als Gegenleistung versprachen die Deutschen, den Brenner als Grenze anzuerkennen und damit Ansprüche auf das italienische Südtirol aufzugeben. Mussolini versuchte sich mehrere Optionen offenzuhalten und trotz des angestrebten Bündnisses mit Hitler auch seine Verbindungen zu England und Frankreich nicht abbrechen zu lassen. In der „Sudetenkrise” im Sommer 1938 zeigte Mussolini einmal mehr, dass er den deutschen Reichskanzler falsch einschätzte und hielt die Sorgen eines Überfalls auf die Tschechoslowakei für unbegründet. Erst mit Hitlers Ultimatum wurde ihm klar, dass dies nur der Anfang von Hitlers Eroberungsgier war und er sich auch damit nicht zufriedengeben würde. Auf Bitten Englands vermittelte Mussolini bei Hitler und erwirkte die Münchner Konferenz, die dem „Duce” eine Hauptrolle auf der Weltbühne ermöglichte.

Parallel zu diesem Plot wird die Geschichte von Renzo Ravenna erzählt: Der erfolgreiche faschistische jüdische Bürgermeister von Ferrara wurde nach 10 Jahren aus dem Dienst gedrängt. Auch in Italien wurden Juden ab 1938 diskriminiert und als nicht zur italienischen Rasse zugehörig erklärt. Im Oktober 38 galt per Gesetz der strikteste Antisemitismus weltweit in Italien. Die Biographie von Ravenna ist insofern besonders bemerkenswert, als er beste Verbindungen in höchste Parteikreise hatte und hochdekorierter Soldat war. Früher als in Deutschland wurden jüdische Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte von staatlichen Schulen ausgeschlossen. 

Im März 1939 verstand Mussolini, dass er mit der Festlegung auf Hitler einen fatalen Fehler begangen hatte, denn dieser setzte sich über alle Abmachungen hinweg und drohte der Tschechoslowakei mit der Zerstörung Prags, sollten die Tschechen Widerstand leisten. Nach dem „Anschluss” Österreichs besetzte Hitler auch die Tschechoslowakei und machte daraus das Protektorat Böhmen und Mähren. Die Stimmung in Italien galt den Opfern, eine antideutsche Stimmung verunmöglichte Mussolini die Unterzeichnung eines Vertrags mit Hitler. Der „Duce” musste erkennen, dass bei der deutschen Hegemonie in Europa kein Platz für Italien war und man sich auch nicht gegen das Nachbarland verteidigen konnte. Insofern kalkulierte er, dass Hitler in den Osten drängte und für Italien zumindest die Vormachtstellung im Mittelmeerraum möglich wäre. Mit der sich aus dieser Überzeugung speisenden italienischen Invasion in Albanien verlor die italienische Regierung das Vertrauen der Westmächte. Nachdem die Angriffspläne Hitlers auf Polen konkreter wurden, musste Mussolini erkennen, dass Italien nicht kriegstüchtig war (kein schweres Kriegsgerät, ineffiziente Verwaltung, langsame Rüstungsproduktion) und versuchte auf die Deutschen einzuwirken, den drohenden Krieg um drei Jahre zu verzögern, um sein Land aufzurüsten. Der abermalige Irrglaube an die Zusicherung der Deutschen, erst ab 43/44 eine militärische Aktion gegen Polen zu starten, veranlasste Mussolini dazu, im Mai 39 den „Stahlpakt” mit Hitler zu unterzeichnen. Dieser verwandelte Italien zu einem Vasallen Hitlers in Friedenszeiten und einen Bundesgenossen, der militärische Hilfe zu leisten hat, im Kriegsfall. Am Tag nach der Unterzeichnung ordnete Hitler im Geheimen die Vorbereitungen für den Überfall auf Polen an. Als der italienische Botschafter den „Duce” im August über den bevorstehenden Krieg gegen Polen aufklärte, musste er befürchten, entweder in einen Krieg hineingezogen zu werden oder als Verräter vor dem Bündnispartner dazustehen. Dazu kam die völlig unerwartete Nachricht, dass das nationalsozialistische Deutschland und das kommunistische Russland einen Nichtangriffspakt unterzeichnen wollten, ohne dass er davor darüber informiert wurde. Der „Blitzkrieg” gegen Polen, der mit der Unterstützung Russlands dazu führte, dass das Land zu existieren aufhörte und unter Deutschland und Russland aufgeteilt wurde, machte die Unterstützung durch Italien unnötig. Die Situation wurde für das faschistische Italien trotzdem immer schwieriger: Die Deutschen betrachteten das Nachbarland als Verräter, die Alliierten verachteten Italien als Profiteure und das eigene Volk war nicht an einem Kriegseintritt interessiert. Umso überraschender war für Hitler, dass Mussolini bei einem Treffen am Brenner im März 1940 seine militärische Unterstützung für den bevorstehenden Westfeldzug der Deutschen gegen Frankreich zusagte. Mit der Kriegserklärung Hitlers gegen Skandinavien wurde Mussolini jedoch ein weiteres Mal überrascht: Auch diesmal hatte ihn der Bündnispartner zuvor nicht informiert. Die Alliierten versuchten weiter über Italien zu einem Verhandlungsfrieden zu kommen und dahin zu wirken, dass Italien nicht an der Seite Deutschlands in den Krieg eintritt. Allen Bemühungen der eigenen Militärs, des Papstes, Churchills und Roosevelts zum Trotz verkündete Mussolini am 10.6.1940 den Kriegseintritt Italiens, da er daran (irr-)glaubte, an der Seite der Deutschen „siegen zu können ohne kämpfen zu müssen”. 

Didaktische Hinweise

Scurati ermöglicht einen aus deutscher Sicht neuen Blick auf die historischen Ereignisse, nämlich den aus der italienischen Perspektive. Durch die historische Erzählweise, die sowohl emotionale als auch intellektuelle Dimensionen anspricht, eignet sich das Werk, um im Unterricht eingesetzt zu werden:

  • Für unterrichtliche Zwecke kann dieser dritte Band aus Scuratis Mussolini-Reihe als hervorragende Quelle z.B. für W-Seminararbeiten, Referate in der Oberstufe oder zur Vertiefung von Unterrichtsinhalten dienen. 

  • Das Buch ist als fiktionale Erzählung konzipiert, die historische Ereignisse nachzeichnet, dabei jedoch einen literarischen und künstlerischen Anspruch verfolgt. Um die Erzähltechnik zu verstehen, können verschiedene Unterrichtseinheiten der literarischen Analyse gewidmet werden. Im Vordergrund stehen hier Fragen nach der Perspektive, die Scurati in der Erzählung einnimmt. Die Geschichte wird aus der Sicht eines fiktiven Ich-Erzählers präsentiert, der als Beobachter und Kommentator von Mussolinis Aufstieg fungiert. Die Schülerinnen und Schüler könnten in Gruppen arbeiten, um zu analysieren, wie diese narrative Perspektive das Verständnis der historischen Ereignisse beeinflusst. Fragen zur Zuverlässigkeit des Erzählers, der Symbolik in der Sprache und der Darstellung von Macht und Propaganda können hier diskutiert werden.

  • Das Buch behandelt zentrale Themen wie Macht, Ideologie, Propaganda und den Verlust von moralischen und politischen Werten. Diese Themen können in spezifischen Unterrichtseinheiten vertieft werden. Eine mögliche Herangehensweise wäre, dass die Schüler die Parallelen zwischen den historischen Ereignissen im Buch und aktuellen politischen Entwicklungen ziehen. Was können wir heute über Populismus, autoritäre Regime und die Gefährdung von Demokratie und Freiheit lernen? In einem Rollenspiel könnten die Lernenden auch die Rollen von Mussolini, politischen Gegnern und Historikern einnehmen, um die unterschiedlichen Perspektiven und Argumente zu veranschaulichen.

  • Ein didaktischer Schwerpunkt sollte auch auf den gegenwärtigen politischen Kontext gelegt werden. Der Aufstieg des Faschismus und autoritärer Regime in der Geschichte lässt sich nicht nur auf das Italien der 1920er Jahre begrenzen, sondern wirft auch wichtige Fragen für die heutige Zeit auf. Im Unterricht können aktuelle politische Strömungen, wie Populismus, Nationalismus und autoritäre Tendenzen in einem Vergleich zu den historischen Ereignissen des Buches diskutiert werden. Welche Warnsignale zeigt die Gesellschaft heute, und wie können wir diesen entgegenwirken? Die Schülerinnen und Schüler können in kleinen Projekten oder Präsentationen aktuelle politische Entwicklungen analysieren und mit den Ereignissen in Scuratis Buch in Beziehung setzen.

  • Eine Diskussion darüber, wie die Gesellschaft den Aufstieg von autoritären Bewegungen verhindern kann, könnte zu einer tiefgründigen Auseinandersetzung führen. Was haben wir aus der Geschichte gelernt, und wie können wir als Individuen und als Gesellschaft zu einer stabileren und gerechteren Zukunft beitragen?

Gattung

  • Romane

Eignung

in Auszügen geeignet

Altersempfehlung

Jgst. 10 bis 13

Fächer

  • Geschichte
  • Italienisch

FÜZ

  • Werteerziehung
  • Politische Bildung

Erscheinungsjahr

2023

ISBN

9783608987270

Umfang

432 Seiten

Medien

  • Buch
  • E-Book